Dienstag, 16 Mai 2017

milkFactory-webSo nah und doch so fern...

Während Jahrhunderten war die Weltbevölkerung mehrheitlich in der Landwirtschaft tätig. Es brauchte viele Hände und Arbeitsstunden, um alle zu ernähren. Die Erträge waren bescheiden, Mechanisierung gab es nicht, das Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Landwirtschaft gehörte zum Alltag, war Alltag. Sie war selbstverständlich. Das heisst aber nicht, dass der Status der Bauern beneidenswert war, das Gegenteil ist der Fall.

 

Ich denke, dass es noch nie bequem war, Bauer zu sein, doch wenigstens ist anzunehmen, dass die Leute damals wussten, was ein Bauer tut. Der Bezug zum Land und zu den Tieren war einfach.

 

Ohne jetzt gleich Geschichtsunterricht zu geben, so kennen wir doch alle in groben Zügen die Entwicklung und grundlegende Veränderung der Landwirtschaft in den letzten 150 Jahren: Die Industrialisierung hat viele Hände von den Höfen eingefordert, während parallel dazu die Mechanisierung zuerst langsam und dann immer schneller vorwärts schritt. Freilich nahm auch die Weltbevölkerung und damit der Bedarf an Nahrungsmittel rapide zu, doch im Endeffekt sind mehr Menschen in die Städte migriert, als auf dem Land geblieben sind. Die Unabwendbarkeit dieser Entwicklung hat etwas unendlich Trauriges an sich. Unsere Nachbarn, unsere Verwandten haben kaum noch Kontakt zur Erde, die uns trägt und ernährt. Man kann darüber lachen: «Woher kommt die Milch ? Aus dem Tetrapack im Supermarkt!», doch müssen wir auch feststellen, dass unsere Mitbürger/ innen nicht mehr wissen, was auf einem Bauernhof eigentlich passiert. Auch durch diese Unwissenheit können lustige Situationen entstehen; für Gewöhnlich klären wir Irrtümer gerne auf und wir dürfen stolz sein auf das, was wir erreichen. Es ist schön, den Freundinnen und Freunden unserer Kinder, den Spaziergängerinnen, unseren Kundinnen und Kunden zu erklären, was wir machen.

Dennoch - die logische Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass wir es oft mit Personen zu tun haben, die eine sehr bruchstückhafte Sicht der Dinge haben. So entstehen fixe Ideen und Vorurteile zu gewissen Themen. Beispiele davon gibt es unendlich viele: Ökologie, Ethik oder Tierwohl sind Themen, die immer wieder aufkommen. Obwohl es nicht immer leicht fällt, sollten wir diese Hinterfragung schätzen und nützen. Wir müssen den Dialog mit den Konsumentinnen und Konsumenten pflegen, denn wir arbeiten ja für sie. Aber was für ein Wirrwarr daraus manchmal entsteht! Wie können Bauersleute, die bereits mit den Widrigkeiten der Natur zu kämpfen haben, die kleinsten Wünsche der Bevölkerung erfüllen? Ein Stall beispielsweise muss in die Landschaft passen, funktionell und billig sein und wegen möglicher Geruchs- oder Lärmbelästigungen weit vom nächsten Dorf entfernt liegen (weil die Bewohner vergessen haben, dass es auf dem Land auch Gerüche und Lärm gibt...); er darf nicht inmitten den Feldern stehen, weil er sonst die Sicht versperrt; er muss den gegenwärtigen und zukünftigen Normen entsprechen...

Und wenn wir einfach versuchten, den Bäuerinnen und Bauern zu vertrauen?

 

 

Vanessa Renfer, Bäuerin, Vorstandsmitglied Uniterre (Sektion Neuenburg)

Übersetzung: Stefanie Schenk